Der Narr

(Satire, Märchen 2009)

In einem Land, fern unserer Vernunft und lang vor unserer Zeit, lebte einst ein König. Von Politik hielt er wenig, er war Monarch. Mit der Monarchie kannte er sich jedoch bestens aus.

Das es sich um einen König handelt, und nicht um eine Königin ist kein böser Wille und soll die Frauenquote in diesem Märchen nicht stören. Auch der im späteren Verlauf erwähnte Narr ist eher eine Metapher. Ich bitte, trotz dieser politisch unkorrekten Erzählweise um Nachsicht. Es steht dem Leser frei, die Handlungstragenden durch Menschen jedweder ethnischer, geografischer Herkunft und sexueller Orientierung, beziehungsweise geschlechtlicher Gefühlslage, zu ersetzen.

Narr im Kerker

Besagter König wurde nicht wegen der Erbfolge zum König, er hatte die besseren Manieren und konnte durch seine gebildete Ausdrucksweise davon überzeugen, dass wenn überhaupt jemand, dann er von Gott auserwählt sei. Gleich nach seiner Krönung durch die Kirche entließ er diese konsequent aus ihren Diensten, tauschte Pastoren gegen Wissenschaftler und das Kreuz gegen ein Thermometer.

Es wurden zwar keine Kinder mehr getauft, aber nun war es auch nicht mehr möglich einen anderen König zu ernennen. Der König feierte diesen Triumph der kühlen Logik über den wankelmütigen Glauben einmal, danach wurden alle Feiertage abgeschafft.
Feiertage, oder etwas zu Feiern, vor allem sich selbst, galt nach dem neusten Chic des Königs als unfein. Wissenschaftler aller Länder lobten den König für seine Weisheit, die soviel unendliche Gerechtigkeit brachte.

Ein wenig seltsam schien er zu sein. Sehr eigen waren seine Entscheidungen, aber stets ein gerechter Herrscher, so sprach das Volk voller Demut von dem Zweitgeborenen. Allein das ein Zweiter noch vor dem Erstgeborenen König werden konnte, gab vielen Menschen Mut und neue Zuversicht ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Vorbei war es mit den Schikanen durch die Inquisition, keine Willkür traf das Land, reine Vernunft wurde gesät. Der Hofstaat ereiferte sich, die unvermeidbare und nicht weniger als dem Selbstzweck dienenden Logik in das Land und unter das Volk zu streuen. Hatte man bislang eine Armee um sich vor Feinden zu wehren und zu schützen, so gingen Soldaten nun los und überzeugten ihre Gegner sich anzupassen. Denn was ein wahrer Herrscher war, begnügte sich mit nicht weniger als dem Weltfrieden. Doch nicht nur die großen, globalen Dinge wurden neu geordnet.

„Tugend, Treue, Tüchtigkeit! Das ist das Maß mein liebes Volk. Sittsam, sonnig, sorglos euer Leben.“, so sprach der König und nur ein Narr widersprach.
„Tunicht teure Trödlichgeit, …, seltsam, sufflos – s-strostlos - woran wir sterben“, äftte er nach, sich auf dem Boden wälzend, dass die kleinen Glöckchen an Ärmeln und Hosenbund funken stoben. Er bekam kurz darauf einen Schlagstock zu spüren und wachte im Verlies auf.

Nach dem das Gröbste erledigt schien und der König sich eingelebt hatte, begann die eigentliche Arbeit. Das Volk stank.
Es musste sich waschen. Das Volk furzte. Die Ernährung wurde umgestellt und individuell angepasst. In den Kneipen wurde geraucht, getrunken und gerülpst. Als Zeichen des Wohlverständnis des Königs für die Sorgen des Volkes, wurden vorerst nur zwei Dinge verboten. Fluchen gehörte sich ebenso wenig. Üble Nachrede wurde streng bestraft. Jemand anderen zu schlagen, wurde mit Folter bestraft. Jemanden zu foltern mit dem Tode, jemanden zu töten mit der Folterung bis in den Tod. Folterte jemand zu unrecht sein Opfer bis in den Tod, so sagte der König, es sei niemand ohne Schuld. Durch die erlittenen Qualen habe das Opfer seine Sühne getan und könne ehrenhaft sterben. Der Schuldige würde bis in den unehrenhaften Tod gefoltert.
Auf die Frage hin, wo denn der Unterschied sei, zwischen dem ehrenhaften und dem unehrenhaften Tod, antwortete dieser weiseste aller Monarchen: „Wir werden seiner nicht gedenken, er soll vergessen sterben.“. So trauerte man um die Opfer und litt mit den Hinterbliebenen, während die Täter vergessen wurden.

Doch der größte Erlass sollte noch folgen. Der König wollte den Weg für eine neue Zeitrechnung ebnen. Die Menschheitsgeschichte sollte revolutioniert werden. Niemals wieder würde es Unfriede, Krieg, Missgunst, Neid oder auch nur Streitigkeiten geben. Streng der Logik folgend, rief der König folgenden Erlass aus.
„Kein Mensch durfte fort hin benachteiligt werden aufgrund seiner Abstammung, Herkunft, Nationalität, Sexualität, Neigung, Gesinnung, wissenschaftlichen Bildungsstandes, Familienstandes, Standes, Berufes, Alters, Aussehen oder sonstiger Befindlichkeiten.“

„Ich mache alle Menschen gleich.“, sagte der König. Nur ein Narr konnte diese Worte nicht verstehen. Dieser saß noch immer im Verlies.

Doch nach dem neuen Erlass durfte dieser Narr nicht benachteiligt werden. Also verbot man ihm auch in seiner Zelle das Rauchen, Furzen, Rülpsen und das Singen schmutziger Lieder. Das war dem Narr zu blöd. Wozu sollte er hier im Verlies hocken müssen, wenn er sich nicht einmal zu seiner Benachteiligung daneben benehmen durfte. So ließ der Narr dem König folgendes aus-richten: „Ich möchte nicht gleich sein wie alle Menschen. Ich will kein Narr sein in einem Käfig.“

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