Reich beschenkt
Weihnachtsgeschichte, Prosa, Kurzgeschichte
Der Schnee war schon wieder geschmolzen, die weißen Weihnachten waren ausgeblieben. In den Pfützen der mit Regen gefüllten Schlaglöcher der Dorfstraße, spiegelten sich Lichterketten und Weihnachtskerzen der geschmückten Häuser. Zumindest so lang, bis der kleine Karl auf seinem alten Kinderfahrrad daherkam. Lustlos kreuzte er jede Pfütze und pflügte durch den Matsch, dass es nur so spritzte.
Karls Klapprad machte seinem Namen alle Ehre, denn es war auch ein klappriges Rad. Und total uncool. Kein Stollenprofil, keine Stoßdämpfer, kein Standlicht nicht einmal eine Drei-Gangschaltung. Der Dynamo hing buchstäblich an einem seidenen Faden, der einst die Glimmlampe als Draht verbunden hatte. Selbst eine Vollbremsung schaffte die Rücktrittbremse wegen der herunter gefahrenen Reifen nicht ordentlich.
»Geh draußen Spielen«, hieß es immer. Seine Mutter wollte ihn nicht im Haus haben wenn sie putzte. Und sie putzte oft. Weit und breit gab es kein Kind im Dorf zu sehen. Wie jeden ersten Weihnachtstag spielten sie alle drinnen, mit ihren neuen Spielsachen. Sicher gab es bei einigen Kindern auch Computer, Handys oder einen Fernseher. Karl hatte keinen Computer, kein Handy und nicht einmal einen eigenen Fernseher. Seine Mutter arbeitete als Putzhilfe und sein Vater musste als Fernfahrer auch an Feiertagen unterwegs sein. Trotz aller Bescheidenheit hatten sie nie viel Geld. Was er sich auch zu Weihnachten wünschte, es gab immer nur langweilige Dinge. Mutter nannte sie praktisch. Karl hasste diese praktischen Dinge. Manchmal hasste er auch seine Mutter, weil sie nie das richtige kaufte. Aber wenn sie ihm dann all die praktischen Dinge anzog und ihn knuddelte, war die Welt schon wieder in Ordnung.
An Freunden mangelte es auch. Wenn andere Kinder Sammelbilder tauschten, bekam er nur, mit viel Schmeicheleien, eine der Karten die jedes Kind mindestens drei mal in seiner Sammlung hatte. Wenn andere über spannende Fernsehsendungen sprachen, konnte Karl nie mitreden. Der einzige Fernseher zu Hause wurde strenger kontrolliert als Karls Hausaufgaben. Nach Hause einladen konnte er auch niemanden. Dazu war die Wohnung zu klein und er musste sein Zimmer mit Zwillingen teilen die gerade erst 6 Monate alt waren. Er hasste die Zwillinge. Aber manchmal lachten sie Karl an und hielten mit ihren winzigen Fingern seinen Daumen fest. Dann fand er sie auch richtig lieb und die Welt war wieder in Ordnung.
Erwachsene sagten der Regen mache depressiv. Depressionen erklärte ihm seine Mutter, das sei etwas trauriges. Karl wurde auch ohne Depressionen traurig und nach den vielen Pfützen bekam er nun auch noch kalte Füße denn oberhalb der Schuhe triefte die nasse Hose. Der Fahrtwind trieb ihm eine Gänsehaut auf die Beine und Arme. Da, plötzlich, sah er auf dem Gehweg eine dicke, lederne Brieftasche liegen. Dann war Karl auch schon vorbei gefahren.
Konnte es wirklich ein Portemonnaie voll mit Geld sein, dachte er. Völlig in Gedanken fuhr Karl durch eine riesige Pfütze. Davon könnte er tolle Sachen kaufen. Vielleicht war ja auch ein Hunderter dabei! Karl hörte auf zu treten und ließ das Rad rollen. Was war, wenn er das Geld aufheben würde? Dann würde doch jeder, der ihn dabei sieht, denken er wolle das Geld klauen!
Er überlegte hin und her. Vermutlich lag dort nur eine leere Brieftasche weil sie jemand
weggeworfen hatte. Die Kinder würden dann sagen er sei Müllsammler wenn sie es mitkriegten, dass er sie aufhob. Das wollte Karl nun gar nicht. Aber wenn ihn keiner sah, dann könnte er sich einen Computer kaufen! Karl bremste, dass er beinahe vorn über gefallen wäre. Er drehte um und radelte zurück. Wie zufällig hielt er genau an der Stelle an und tat so, als wollte er sich den Schmutz vom Hosenbein klopfen. Dabei schielte er die Straße hinauf und hinunter, ob ihn jemand beobachtete.
Er konnte niemand sehen. Auch an den Fenstern der Nachbarhäusern war niemand. Karl guckte auf die lederne Börse, die durchnässt auf dem Boden lag. Da lag tatsächlich ein Portemonnaie und dick war es auch. Ohne weiteren Gedanken griff er zu, stopfte die Brieftasche unter seine Jacke und fuhr los.
Karl fuhr als sei der Teufel hinter ihm her. Er fuhr, dass die Kette quietschte und Wasser an den Schutzblechen vorbei spritzte. Wie von Sinnen achtete er nicht auf rechts oder links und kreuzte die Straßen, dass es sein Tod hätte sein können. Immer weiter fuhr er, um den Tatort zu verlassen. Ihm war gar nicht wohl. Etwas war falsch. Aber er wollte unbedingt auch einmal Glück haben und einen Haufen Geld finden. Nur einmal wollte er reich sein, sich Dinge kaufen die andere Kinder auch hatten. So fuhr er durch die Felder in einen kleinen Wald bis er sich in Sicherheit wähnte, seine Beute zu begutachten.
An einer Holzbank wurde er langsamer, hielt an, stieg ab und zog seine Beute unter der Jacke hervor. Die Geldbörse hatte einen feinen Reißverschluss, den er mit den dicken Wollhandschuhen nicht auf bekam. Mit den Zähnen zog er sich die Handschuhe von den Händen und stopfte sie in seine Jackentasche. Dann öffnete er die Börse und es blieb ihm die Luft weg. Das fahle Dämmerlicht präsentierte eine ganze Hand voller bunter Scheine. Es waren Hunderter, nein sogar noch größere. Karl zog einen heraus, da stand fünf und hundert auf dem Geld Schein! Er hatte einen Schatz gefunden!
Computer, Sammelkarten, ein eigenes Handy, ein Fernseher, Videorekorder und ein Rennrad. Er könnte sich nun all die Dinge kaufen. Nein, das ging nicht. Wie sollte er ein Rennrad oder Computer geheim halten. Sammelkarten waren schon lange out. Einen Fernseher konnte man ohne Steckdose und Antenne auch nicht benutzen. Wer sollte ihn auf einem Handy, anrufen wenn niemand die Nummer wissen durfte? Und wie wollte er jemandem erklären woher er soviel Geld hatte?
In Karl stieg eine ihm völlig unbekannte Wut hoch, die ihm die Tränen in die Augen trieb. Er hielt sein Glück in Händen und doch wurde ihm ganz Elend. Sein Gewissen sagte es ihm klar und deutlich, das Geld gehörte jemandem, der es nun vermisste. Das war kein Piratenschatz. Würde er das Geld behalten, wäre er ein Dieb. Ein widerlicher kleiner gemeiner Dieb. Würde er es seiner Mutter erzählen, gab es nur ein Lob und dann würde sie das Geld zurückgeben. Von einem Lob konnte er sich auch nichts kaufen.
Er hasste sich. Er hasste das Geld. Er hasste sein Fahrrad, Weihnachten, Ehrlichkeit, die ganze Welt und alles was ihm gerade nicht einfallen wollte hasste er auch. Wütend trat er gegen sein Fahrrad, das krachend zu Boden fiel. Ein Pedal brach ab und da lag es nun. Karl schrie vor Zorn. Er tobte. In einer Hand ein Bündel Geld, das Gesicht Tränen überströmt hob er sein Fahrrad auf und fing an zu schieben. Das Hinterrad hatte eine Acht bekommen blockierte. Eine schmerzhafte Wut im Bauch fraß ihn innerlich fast auf.
Karl bemerkte jetzt erst, dass die Sonne unterging. Er hatte bei all dem Ärger die Zeit völlig vergessen. Nun würde es auch deswegen noch Ärger daheim geben. Er war soweit gefahren, dass nun ein langer Rückweg bevorstand und das Geld lag ihm wie bleiern auf der Seele. Immer wieder blieb Karl stehen und schaute sich die Gräben längs der Straße an. Sollte er das Geld verstecken bis er groß war? Wenn es eine hohe Belohnung für den Finder gäbe, dann könnte er es aus dem Versteck holen und hätte immer noch Geld für ein neues Fahrrad oder einen Fernseher. Sicher konnte man sich mit soviel Geld ein neues Fahrrad kaufen. Warum musste er nun ein kaputtes Schrottrad schieben. Die Welt schien so ungerecht zu sein. Das Geld stopfte Karl in seine Jackentasche und so schob er mit gesenktem Haupt missmutig den langen Weg entlang. Er wusste weder ein noch aus. Es fiel ihm keine Idee ein, was er hätte tun sollen und nichts war mehr in Ordnung.
»He, kleiner Mann, ... dein Fahrrad ist ja kaputt! Ist dir etwas passiert? Hast du dir weh getan?«
Karl erschrak. Der Mann hatte auf einer Parkbank am Straßenrand gesessen und stand nun auf.
»Du kennst mich doch, ich bin der Hausmeister im Rathaus.«
Karl stopfte die Geldbörse mit seiner Faust tiefer in die Jackentasche. Fast wäre ihm das Herz stehen geblieben.
»Ich hab Sie gar nicht gesehen.«, stammelte Karl.
»Du bist Karl, richtig?«, fragte ihn der Hausmeister.
»Ja, ich kenne Sie, meine Mutter putzt bei Ihnen im Rathaus.«
»Genau. Nun lass aber mal sehen. Das sieht aber böse aus. Bist du gestürzt?«
»Nein.«, sagte Karl wahrheitsgemäß, flunkerte jedoch gleich darauf, »Doch! Ja. Ich bin gestürzt.«
Etwas verwundert schaute der Hausmeister schon aber schien keinen Verdacht zu schöpfen.
Der Mann inspizierte das Fahrrad genau, dann fragte er: »Das Pedal ist abgebrochen. Hast du es noch?«
»Oh nein. Das hab ich im Wald nicht mehr gefunden.«, log Karl ein zweites mal. Er kam sich schäbig vor. Aber von dem Geld würde er sicher keinem anderen als seiner Mutter erzählen.
Der Hausmeister sah selbst etwas ärmlich aus, ihm gehörte das Geld sicher nicht dachte Karl.
»Und jetzt hast du Angst, dass du Ärger bekommst und deine Mutter schimpft?«
»Ja.«, sagte Karl. Dieses mal war er ehrlich und es tat gut nicht lügen zu müssen.
»Komm mit kleiner Karl, wir bringen das Rad in meine Werkstatt, ich repariere es schnell. Ich glaube ich habe noch ein Pedal, das passt. Es liegt ja auf deinem Weg.« ,sagte der Hausmeister und hob das Fahrrad zwar mühelos hoch, trotzdem ging er mit leicht gebeugter Haltung voraus.
Karl sah dem Hausmeister nach. Etwas stimmte nicht mit dem Hausmeister, dachte Karl. Er war sonst fröhlicher und leichtfüßiger. Schnell bei der Arbeit und immer wusste er etwas Lustiges zu erzählen. Karl ging hinter ihm her, das Portemonnaie hielt er fest in seiner Jackentasche.
Karl hatte die Werkstatt nie von innen gesehen. Eigentlich war es auch keine richtige Werkstatt. Eine alte baufällige Scheune, verwittert und mit eingeschmissenen Scheiben die notdürftig vernagelt waren. Karl kannte die Kinder, die Steine hier herein geworfen hatten. Ein wenig mulmig war ihm schon, doch Angst hatte er keine. In der Werkstatt hingen tausend alte Dinge und nochmal so viele lagen auf dem Boden oder auf alten Kommoden, in wurmstichigen Schränken oder hingen an rostigen Nägeln. Karl sah Spinnweben, alte Putzlappen und es kam ihm vor wie eine Müllhalde. Mitten darin ein betrübter Mann mit einem kaputten Kinderfahrrad.
Der Hausmeister griff in eine Schublade.
»Siehst du, hier ist ein passendes Pedal.«
Mit einem Schwung hob er das Fahrrad verkehrt herum auf einen alten Schemel.
»Ich kann dich verstehen Karl. Ich hatte heute auch einen sehr schlimmen Tag.«.
Er stützte es mit seinen Knien ab. Dann nahm er eine Wasserpumpenzange von der Wand.
»Ich sollte für den Bürgermeister etwas erledigen.«
Geschickt löste der Hausmeister zwei Muttern, strich ein wenig Fett um die Achsen, setzte das 'neue', alte Pedal auf, gab noch etwas Öl auf die Kette und zog die Muttern wieder an.
»Doch weil Weihnachten ist machte ich einen Umweg und ging nicht auf direktem Wege.«
Noch zwei Handgriffe und der Dynamo surrte am Rad. Die Vorderradlampe leuchtete auf.
»Es ist alles meine Schuld.« murmelte er und etwas lauter, »Aber was rede ich hier von meinen Problemen. Das soll dich nicht sorgen.«
Der Hausmeister klemmte den Hinterreifen zwischen seine Beine und bog ihn gerade.
»Fertig! Probier es aus.«, sagte er zu Karl während er das Fahrrad wieder auf den Boden stellte.
Karl war verblüfft. Noch nie hatte er jemanden so schnell etwas reparieren sehen.
»Fröhliche Weihnachten, Karl.«, fügte der Hausmeister mit einem schiefen Lächeln an und schob das reparierte Fahrrad zu Karl. Der wollte das Fahrrad entgegen nehmen, zog seine Hand aus der Jackentasche und das Portemonnaie fiel im heraus. Auf den Boden. Direkt vor die Füße des Hausmeisters.
»Du, hast es …! «, entfuhr es dem Hausmeister.
Karls Atem stockte.
»Ich hab das nicht gestohlen. Ich bin kein Dieb. Ich wollte es zurückbringen, ganz bestimmt!«
Doch der Hausmeister sagte erst einmal gar nichts mehr. Langsam, wie in Zeitlupe, hob er das Portemonnaie auf und schaute es an, als wäre es ein Ding von einem fremden Planeten.
»Es fehlt nichts. Ich hab nichts davon genommen. Ganz ehrlich, Herr Hausmeister ich schwöre.« beteuerte Karl.
Etwas merkwürdiges geschah in dieser Scheune. Karl war verwirrt. Niemand schimpfte mit ihm, nein es sah aus als würde der Hausmeister nun wieder lächeln.
»Freunde nennen mich Markus und dich schickt ein Engel, Karl.« sagte Markus der Hausmeister.
Damit hatte Karl am allerwenigsten gerechnet.
Markus brachte Karl nach Hause und entschuldigte Karl bei seiner Mutter für das zu späte Erscheinen. Natürlich hatte sie sich Sorgen um ihn gemacht. Es gab keinen Ärger. Es gab aber auch kein Geld oder Finderlohn. Das viele Geld in dem Portemonnaie war eine Spende für den Bau eines neuen Abenteuerspielplatzes. Der Herr Bürgermeister wollte just an diesem Abend zu einer Feierlichkeit das Geld überreichen und hatte Markus als Boten geschickt. Den ganzen Tag hatte Markus damit verbracht nach dem Geld suchen, bis er sich völlig erschöpft auf einer Bank niedergelassen hatte, als ihm plötzlich Karl über den Weg lief. So nahmen die Dinge ihren Lauf.
Es gab Lob. Karls Name erschien in der Zeitung. Der Abenteuerspielplatz wurde nach Karl benannt. Karl bekam plötzlich ganz viele neue Freunde im Dorf und einen großen neuen Freund, der praktische Dinge in seiner Werkstatt hatte. Und so war Karls Welt wieder Ordnung. Reich beschenkt mit dem, was er sich für Geld nie hätte kaufen können.
Erstveröffentlichung in der Zevener Zeitung Dez. 2011
Mit herzlichen Neujahrsgrüßen,
yt
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